Keine Musik, dafür viel Drama: Ein Wochenende auf Messers Schneide

Veröffentlicht am 10. Februar 2026 um 11:21

„Das war ganz schön knapp, mal wieder!“

Ein Satz, der so gut wie nie etwas Gutes bedeutet. Vor allem möchte man ihn nicht von seinem Hausarzt hören, wenn man gerade das Wochenende rekapituliert. Was war geschehen? Die schnelle Antwort lautet: Hypokalzämie. Du weißt Bescheid? Okay, dann bis zum nächsten Mal! Nein? Gut, dann arbeiten wir uns langsam vor. Denn dieses Mal geht es hier nicht um Musik, sondern um einen ziemlich dramatischen Aussetzer meines eigenen Systems.

Ein kleiner Exkurs: Wenn „Hypo“ gefährlich wird

„Hypo“ bedeutet in der Medizin immer, dass etwas zu niedrig ist. Hypotonie ist zu niedriger Blutdruck, Hypoglykämie zu wenig Zucker. Und Hypokalzämie? Richtig: Der Kalziumspiegel ist im Keller. Aber wie konnte ich wissen, bzw. nicht wissen, dass genau das am Wochenende mein Problem war? Dafür muss ich kurz ausholen.

Mein Skelett und ich, wir haben eine komplizierte Beziehung. Schon als Säugling litt ich unter schwerer Rachitis – verursacht durch massiven Kalzium- und Vitamin-D-Mangel. Das führte zu weichen Knochen, die sich verformten; mein Brustkorb ist bis heute davon gezeichnet. Schon als Baby stand mein Leben auf des berühmten Messers Schneide.

Heute, viele Jahre später, kämpfe ich mit einer fortgeschrittenen Osteoporose. Normalerweise ist das eine Krankheit, die man mit „älteren Damen nach den Wechseljahren“ verbindet. Da ich weder eine Frau bin noch dem typischen Altersraster entspreche, bin ich wohl eine medizinische Ausnahmeerscheinung. Fakt ist: Meine Knochen sind porös, instabil und meine Dichte ist bedenklich. Die Ärzte im Klinikum Großhadern wundern sich regelmäßig, dass ich bisher ohne Brüche davongekommen bin. Spüre ich das? Oh ja. Knochenschmerzen sind mein täglicher Begleiter, besonders bei Kälte. Hüfte, Lendenwirbelsäule, linkes Knie – es ist ein ständiges Hintergrundrauschen an Schmerz.

Der Vorbote

Vor vier Wochen bekam ich meine jährliche Infusion zur Stärkung der Knochendichte. Dabei fiel im Labor auf: Kalzium zu niedrig. Also gab es Tabletten und den Rat, kalziumreich zu essen. Am letzten Donnerstag war ich zur Nachkontrolle beim Blutabnehmen. Alles Routine. Dachte ich.

Und dann kam der Sonntag.

Der Absturz

Ich hatte mein Sportprogramm absolviert, war duschen und wollte im Bett frühstücken. Ein Sonntag wie jeder andere. Plötzlich schoss ein heftiger Krampf in meine linke Wade. Bevor ich reagieren konnte, krampfte das gesamte linke Bein. Ich versuchte, mich aus dem Bett zu ziehen, um Gegendruck aufzubauen – da fing auch das rechte Bein an. Die Schmerzen waren unerträglich. Ich habe geschrien, wahrscheinlich habe ich die ganze Nachbarschaft aufgeschreckt. Irgendwie gelang es mir, mich am Galgen meines Pflegebetts hochzuziehen und auf die Beine zu kommen.

Der Krampf ließ irgendwann nach, aber das Drama fing jetzt erst richtig an. Ich spürte meine Beine nicht mehr. Rechts eingeschlafen, links taub. Dann das Zittern. Meine Hände begannen wie elektrisiert zu „bitzeln“ – ein fieses Ameisenlaufen. In meinem Brustkorb fühlte sich alles wackelig an, als würde mein Inneres schwabbeln.

Mein erster Gedanke, gefärbt durch meine Diabetes-Erfahrung: Unterzucker! Ich griff mir den Schoko-Nikolaus vom Fensterbrett und schlang ihn runter. Mit letzter Kraft schleppte ich mich in die Küche: Toast, Käse, Apfel. Alles rein, Hauptsache der Zucker steigt. Zurück zum Bett traute ich mich nicht mehr – die Angst, dort nicht mehr hochzukommen, war zu groß. Also blieb ich am Schreibtisch sitzen und wartete auf Besserung. Aber sie kam nicht.

Gott sei Dank lag mein Blutzuckermessgerät griffbereit. Der Wert: 295! Viel zu hoch. Das war der Beweis: Es war definitiv keine Hypoglykämie.

Der Instinkt des Rettungsdienstlers

In diesem Moment schaltete mein Gehirn vom Panik-Modus in den alten Rettungsdienst-Modus um. Der hohe Zucker war jetzt egal, ich musste symptomatisch handeln. Die Krämpfe mussten weg. Intuitiv griff ich nach Magnesium. Und weil ich schon vor meinem Medikamentenschrank stand, nahm ich auch gleich Vitamin D und meine Kalziumtablette. Dazu hatte ich plötzlich einen unbändigen Heißhunger auf Milch – also trank ich ein großes Glas hinterher.

Langsam, ganz langsam beruhigte sich mein Körper. Das Zittern hörte auf, das Gefühl kehrte zurück. Dafür übermannte mich eine bleierne Müdigkeit. Ich legte mich wieder hin und schlief.

Die Auflösung

Montagfrüh schrieb ich meinem Hausarzt eine E-Mail, um meine Laborwerte vom Donnerstag zu erfragen und das Erlebnis einzuordnen. Mittags, als ich gerade bei der Physiotherapie war, klingelte das Telefon. Es war die Praxis. Meine Kalziumwerte waren schon am Donnerstag im Keller gewesen. Was ich am Sonntag erlebt hatte, war eine handfeste Hypokalzämie-Krise. Die klare Ansage des Arztes: „Sollte das noch einmal passieren, rufen Sie sofort den Notarzt!“

Warum so dramatisch? Kalzium ist doch nur für die Knochen, oder? Eben nicht.

Stop! Kalzium ist essenziell für jeden einzelnen Herzschlag. Die Kalziumionen lösen die Kontraktion des Herzmuskels aus. Ist nicht genug da, kommt das Herz ins Stolpern. Es drohen schwere Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand.

Das Fazit (und der Schluss, der mir noch fehlte)

Da schließt sich der Kreis. Ich habe die Situation am Sonntag komplett falsch eingeschätzt. Ich habe Symptome bekämpft und intuitiv – vielleicht durch pures Glück oder eine unbewusste Eingebung, die mich nach der Milch greifen ließ – das Richtige getan, obwohl ich erst auf der falschen Fährte war.

Es beeindruckt mich zutiefst, wie fragil unser System eigentlich ist. Wir halten so vieles für selbstverständlich: dass die Beine uns tragen, dass die Hände greifen, dass das Herz im Takt schlägt. Aber wenn ein einziger Baustein wie Kalzium fehlt, gerät die ganze Symphonie des Körpers aus dem Takt und droht zu verstummen.

Ich hatte riesiges Glück. Mein "innerer Sanitäter" hat irgendwie das Ruder übernommen, als mein Verstand noch beim Schoko-Nikolaus war. Diese Erfahrung ist mir eine Warnung – und vielleicht auch für euch eine Erinnerung: Hört auf euren Körper. Und wenn es sich wirklich falsch anfühlt: Zögert nicht, Hilfe zu holen.

Der Beat geht weiter. Zum Glück.

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